| Drohungen gegen Iran |
Interview mit Dr. Peter Scholl-Latour über israelische Drohungen gegen Iran
Ich persönlich hoffe auch, dass diese Aktion nicht stattfinden wird und in Tel Aviv und in Jerusalem die Vernunft überwiegt.
Ein Interview mit Dr. Peter Scholl-Latour
Rundfunk: Herr Scholl-Latour, seit einiger Zeit kursieren Gerüchte über einen bevorstehenden israelischen Militärschlag gegen den Iran. Diese Gerüchte bekamen nun durch die Äußerungen des neuen israelischen Verkehrministers, Shaul Mofaz, eine neue Nahrung. Ist das pure Propaganda oder steckt auch etwas Ernstes drin?
Scholl-Latour: Wir haben die Befürchtung, dass es ernst sein könnte. Wir hoffen, dass es nicht stattfindet, aber die Befürchtung ist zweifellos vorhanden, auch in Deutschland, auch in Amerika übrigens. Denn die amerikanischen Militärs und Dienste sind nicht alle begeistert von dieser Perspektive. Der amerikanische Oberbefehlshaber, Admiral Fallon, ist zurückgetreten. Manche sagen deswegen, um dagegen zu protestieren. Insofern ist auch in Amerika durchaus keine einheitliche Meinung. Wenn eine solche Aktion stattfinden würde, kann sie natürlich ohne Zustimmung des amerikanischen Präsidenten nicht geschehen. Die Israelis werden nicht ohne grünes Licht aus Washington eine solche Aktion starten. Insofern ist die Zeit, in der das passieren kann, relativ begrenzt. Denn ich nehme an, dass nur der Präsident George W. Bush eine solche Entscheidung treffen würde. Sein Nachfolger, auch wenn er der Senator McCain wäre, würde eine solche Entscheidung mit ziemlicher Sicherheit nicht treffen. Also die gefährliche Zeit ist im Grunde bis zum November, bis zur Wahl des neuen Präsidenten.
Rundfunk: Auch der frühere deutsche Bundesaußenminister, Joschka Fischer, der ja bekanntlich einen guten Draht nach Tel Aviv hat, hat kürzlich diese Befürchtung geäußert. Sie kennen das sicherlich und insofern hätte ich gerne Ihre Einschätzung dazu gehört?
Scholl-Latour: Joschka Fischer hat solche Erklärung abgegeben, insbesondere beim Vortrag in Baden Baden, gemacht. Ich habe jemanden gehört, der mit ihm die Diskussion geführt hat, der ganz erschrocken war, wie kategorisch und deutlich sich Fischer in dieser Richtung geäußert hat. Er betrachtet das ebenfalls mit großer Sorge. Joschka Fischer, wie Sie sagen, ist ein gut informierter Mann. Ich stimmte mit ihm in vielen Dingen nicht überein, aber es ist ernst zu nehmen, er ist ein intelligenter Mann und dazu auch ein sehr gut informierter Mann. Ich glaube, im Moment bemühen sich alle europäischen Regierungen auch, dieses zu verhindern. Denn die Folgen wären gar nicht abzusehen. Deswegen versucht man im Moment auch die ganzen Sanktionen gegen den Iran zu verschärfen, um den Amerikanern den Eindruck zu vermitteln, "wir können auch ohne Krieg, also ohne Bombardierung etwas erreichen", und deswegen also müssen Sie sich darauf gefasst machen, dass die Frage der Sanktionen jetzt stark noch mal betont wird.
Rundfunk: Wie schätzen Sie die israelische Armee ein? Ist sie überhaupt in der Lage, ein derartiges Abenteuer zu unternehmen?
Scholl-Latour: Also, ich würden es den Israelis nicht raten, und ich glaube, dass es auch viele israelische Experten gibt, die davor warnen würden. Also, wir wissen nicht, was die israelische Regierung dann beschließt. Wie gesagt die israelische Regierung kann es nur machen, wenn sie die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten hat, sonst macht es keinen Sinn. Es wird manchmal verglichen mit dem Angriff, der seinerzeit gegen die irakische Atomaufrüstung stattgefunden hat in "Usarak" bei Bagdad. Diesen Ort kenn ich gut, aber das ist überhaupt nicht vergleichbar. Zunächst mal ist es sehr näher an Israel daran, also leicht zu erreichen. Und zweitens ein großer Hügel, der aufgeschüttelt war, eine Art Trichter, und dann konnte man die Bomben rein werfen. Ziel war vielleicht das zu zerstören. Wie gesagt, die Strecke war viel kürzer und das war eben der einzige Ort, wenn man davon ausgeht, dass die iranische Nukleareinrichtungen doch über mehrere Orte verteilt sind, die wir möglicherweise gar nicht kennen.
Rundfunk: Was wären die Folgen eines solchen Abenteuers für den Nahen Osten?
Scholl-Latour: Zunächst was die Produktion von Kernenergie betrifft. Wenn die Bombardierung Erfolg hätte, würde das um ein paar Jahr verzögern, aber es würde auch nicht grundlegend ändern. Aber was dann die Folgen sein können, das liegt weitgehend bei den Gegenmaßnahmen, die der Iran treffen kann. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner eine Bodenoffensive gegen den Iran starten können, dazu haben sie nämlich gar nicht die Bodenkräfte. Im Moment sind die ja in Irak und in Afghanistan gebunden und haben keine nennenswerten Truppenkontingente außer ein paar Kommandos. Auch die Israelis haben diese Truppen nicht, um gegen den Iran vorzugehen in einem Land von 70 Millionen Einwohnern, ein riesiges Territorium. Also, auf dem Boden können sie nicht viel machen. Die Frage ist, wie Iran reagieren würde? Und da gibt es natürlich viele Möglichkeiten. Denn entgegen dem, was immer behauptet wird, hat sich Iran im Irak längst nicht so eingemischt, wie sich Teheran hätte einmischen können. Dann könnte man natürlich die dortige Situation für die Amerikaner beinah unhaltbar machen durch das Eingreifen meinetwegen der iranischen Truppen. Oder man könnte aber zum Beispiel auch im persischen Golf die Straße von Hormus sperren für die Transporte von Erdöl. Man könnte auch gewisse Anlagen in den umliegenden arabischen Staaten, die mit Amerika verbunden sind, bombardieren. Dafür reichen wohl auch die iranischen Raketen aus. All das wissen wir nicht. Das ist die Gefahr und vor allem würden auch im Moment, wo das losgeht, die Ölpreise hoch klettern, verdoppelt oder verdreifacht. Also, all das sind fürchterliche Perspektiven, die hier in der Öffentlichkeit sehr wenig diskutiert werden. Man versucht es unter dem Decke zu halten. Ich persönlich hoffe auch, dass diese Aktion nicht stattfinden wird und in Tel Aviv und in Jerusalem die Vernunft überwiegt.
Dieses Interview führte Seyyed Hedayatollah Shahrokny
Der 83 Jahre alte Peter Scholl-Latour ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er spricht fließend Arabisch und kann so viele Länder aus eigener Anschauung beurteilen wie kaum ein anderer Publizist |
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| Datum: |
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08.08.2008 |
| Autor: |
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Seyyed Hedayatollah Shahrokny |
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Bewertung ø 10,00 3 Stimme(n) |
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